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Abriss der Geschichte des Francisceums Zerbst

Inhalt

Abriss der Geschichte des Francisceums Zerbst
Einführung
Zur Entstehung und Gründung der Schule
Das Franziskanerkloster - eine bedeutende Stätte der Reformation
Die Hochburg des Katholizismus in Anhalt fällt
Die Gründung der Schule
Zerbst als Universitätsstadt
Gründung des Francisceums
Baugeschichte
Die Schulleiter des Francisceums
Die erste Abiturientin
Nach jahrelanger Suchaktion - die wertvollen Fürstengemälde des Francisceums sind wieder aufgetaucht
Die Schülerverzeichnisse des Francisceums 1803-1940
Neuerscheinung im Mitteldeutschen Verlag zum Gymnasium illustre Zerbst 1582 - 1652
Philipp Melanchthons Beziehung zu Zerbst und zu unserer Schule

Abriss der Geschichte des Francisceums Zerbst

1. Einführung

Die Geschichte unseres Francisceums, dessen guter Ruf weit über Zerbst hinaus drang, muss als ein bedeutendes Stück anhaltischer Schulgeschichte gewürdigt werden.
Es gibt bisher zur Geschichte unserer Schule eine Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich hauptsächlich auf die Geschichte des Gymnasiums illustre und des Francisceums konzentrieren. Unbehandelt ist jedoch immer die Entstehungsgeschichte unserer Schule geblieben. Hier liegt deshalb auch der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen.

2. Zur Entstehung und Gründung der Schule

2.1. Das Franziskanerkloster - eine bedeutende Stätte der Reformation

1246 wurde das Franziskanerkloster zu St. Johann in Zerbst gegründet. Seine Erbauung geht zurück in die Zeit der Wiedererweckung geistlichen und kirchlichen Lebens durch die Bettelorden. In den Mauern dieses Klosters befindet sich heute die älteste weiterführende Schule Sachsen-Anhalts, die bereits 1526 gegründet wurde und sich seit 1532 ununterbrochen in unserem altehrwürdigen Kloster befindet. Die Schule hieß nach dem Schutzheiligen des Klosters, dem Heiligen Johannes, bis 1803 Johannesschule.
Das Zerbster Gymnasium verdankt seine Entstehung Dr. Martin Luther und der Reformation. Durch sein langjähriges Wirken in unserer Nachbarstadt Wittenberg nahm er großen Einfluss auf die kirchliche und gesellschaftliche Umgestaltung in unserer Stadt(im Zerbster Stadtarchiv und im Staatsarchiv, die beide bis zur Zerstörung des Schlosses im April 1945 dort untergebracht waren, lagen 474 Lutherbriefe und -handschriften).
Als erste bedeutende Stadt nach Wittenberg schloss sich Zerbst, damals die größte und geschichtlich wie wirtschaftlich bedeutendste Stadt Anhalts und ,,decus et ornamentum totius Anhaltinatus" (Zierde und Schmuck von ganz Anhalt) der Reformation an, die sich, wie jede Umwälzung, über Jahre dahin zog. Mit seinen vielen Kirchen, Klöstern, Kapellen und anderen geistlichen Institutionen war das ,,nordische Rothenburg", wie die Stadt in liebevoller Überschwänglichkeit bezeichnet wurde, auch das geistige und theologische Zentrum Anhalts. Zerbst war die einzige Stadt im Anhaltland. die drei Klöster hatte, während es in allen übrigen Städten Anhalts nur ein einziges gab. Für die Reformationsgeschichte spielt Zerbst für Deutschland im allgemeinen u n d für Anhalt im besonderen eine bedeutende Rolle. Welcher Besucher unserer Schule aber weiß, dass in unserem Kloster zuerst in Anhalt der Weckruf der Reformation verkündet wurde, das Franziskanerkloster aber dennoch das Hauptbollwerk des Katholizismus bildete und erst mit seinem Fall der Sieg der Reformation in Anhalt entschieden war?
So hat unser Kloster ein bedeutsames Stück deutscher Reformationsgeschichte mitgeschrieben.


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2.2. Die Hochburg des Katholizismus in Anhalt fällt

Unser heutiges Schulgebäude, das ehemalige Kloster der grauen Mönche, der Barfüßer oder Franziskaner, war das Zentrum katholischen Lebens in Anhalt und der Stadt Zerbst. Die Stimmung gegen die Mönche und ihr Treiben wurde immer erbitterter und ablehnender. Tetzel trieb sein Unwesen in Zerbst, so dass sich Luther schon 1517 genötigt sah, gegen den Ablasshandel Front zu machen. Die Zerbster Bürger gaben den bettelnden Franziskanern kaum mehr Almosen. Auch die geldliche Belastung durch den Bischof von Brandenburg, zu dessen Besitztum Zerbst gehörte, und durch Rom wuchs ständig, was bereits im Frühjahr 1522 zu mehreren Ausschreitungen führte. Als Luther am Sonntag Kantate (18.Mai 1522) in Zerbst predigte, ging eine Welle der Begeisterung durch unser Zerbst und machte selbst vor dem Franziskanerkloster nicht halt. Auch hier gab es eine kleine Anzahl reformationsfreundlicher Mönche, darunter vor allem Johann Luckow, ein geborener Zerbster, der schon als Lektor an der Universität mit Luther Bekanntschaft gemacht hatte und nun - bereits im Sommer 1522 - in kraftvollen Predigten in der Klosterkirche als Verfechter der evangelischen Lehre eintrat und sich bei den Bürgern der Stadt Zerbst größter Beliebtheit erfreute. Er eiferte gegen die kirchlichen Missbräuche und predigte die Vernichtung der alten Kirche. Alles drängte in die Klosterkirche, um dem Verkünder der neuen Lehre zu lauschen. Aber die Leitung im Kloster, ihm gegenüber feindselig und hasserfüllt eingestellt, veranlasst Luckow, Ende April 1523 nach Wittenberg zu fliehen, wo er bei Luther Aufnahme fand (Ostern 1527 wird Luckow dann evangelischer Pfarrer von St. Barthelamäus). Aber die Reformation hatte in Zerbst schon einen solchen Zuspruch gefunden. dass dieser Vorgang den Haß gegen die Mönche nur noch steigerte und so den weiteren Verlauf der Reformation nur noch beschleunigte.
Es verwundert nicht, dass der Rat der Stadt Zerbst Luthers Schrift von 1524 ,,An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen", begeistert aufnimmt und, wie sich bald zeigt, auch umsetzt.
Doch die Reformation hatte in Zerbst nach nicht gesiegt! Während die Verhandlungen mit den Augustinermönchen und den Nonnen im Frauenkloster wegen Räumung ihrer Kloster ohne besondere Schwierigkeiten verlaufen, wird von den Franziskanern jeder gütliche Vergleich entschieden zurückgewiesen. Das Kloster bleibt festes Bollwerk der katholischen Kirche, was aber bei der breiten Masse der Bevölkerung immer größeren Widerwillen hervorruft.
Es folgt nun Schlag auf Schlag gegen die widerstrebenden Mönche. 1524 dringen die Brauknechte, die in der ehemaligen Bierstadt Zerbst eine Macht darstellten, in das Kloster ein und verbrennen hölzerne Heiligenbilder und kirchliches Gerät. Die Innungen beanspruchen ihre Kleinodien und verweigern bisherige Abgaben.
Die Zerbster Franziskaner sind das kleine Häuflein Altgläubiger, die sich hier im Kloster zusammenballen und jedem ihre Not klagen, von dem sie Hilfe erwarten können: ihrem Bischof in Brandenburg, den Fürsten Anhalts, ja selbst dem Kaiser. Der Rat der Stadt erhält zwar Drohbriefe vom Bischof, vom Erzbischof von Magdeburg, Kardinal Albrecht, der die "Einstellung aller unchristlichen Handlungen" fordert, aber an den geschaffenen Tatsachen in Zerbst ändert sich nichts. Dennoch ist der Rat unsicher, wie er in Zerbst weiter vorgehen soll. War die enge Verbindung der Zerbster mit Wittenberg schon immer dadurch gekennzeichnet, dass man sich häufig in Briefen und auch persönlich zwecks Raterteilung und Zuweisung dorthin wandte, so nahm der Rat der Stadt in der wichtigen Angelegenheit, was mit den ehemaligen Kirchengütern, den Klöstern und den verfallenen Lehenzinsen geschehen solle, nun in dieser so rechtsunsicheren Situation mit keinem anderen als mit Martin Luther persönlich Verbindung auf. Daraufhin ist dann von Luther im Mai 1525 folgende für die Entwicklung des Schulwesens in ganz Deutschland wichtige Zuschrift nach Zerbst gegangen, die den Vermerk ,,Informatio jurem Ecclesiastica" trägt und in der Luther als sechsten Punkt ausführt: ,,Gut wäre es, dass man von den verfallenden Lehenzinsen zwei ehrliche Schulen aufrichte, eine für Knaben, die andere für Mägdlein, darin man zu Nutz gemeiner Stadt feine, geschickte Leute aufziehe, die danach Land und Leute regieren können. Dazu soll die Herrschaft auch eines Teils das Klostergut wenden. Denn an der Jugend Aufziehen liegt die größte Macht."
Dieser Bescheid durch Luther ist dann förmliche Rechtsgrundlage, und der Rat der Stadt Zerbst, der bei Luther in hohem Ansehen stand, hat sich bei all seinen folgenden Entscheidungen danach gerichtet. So nahm er Luthers Gutachten zum Anlass, zielstrebig auf die Schließung des Franziskanerklosters hinzuwirken.
Zunächst verbietet er nun den Mönchen das Abhalten von Messen und Predigten. Da sie sich nicht daran halten, nimmt er ihre Schätze und Kleinodien in Verwahrung und führt eine gründliche Inventarisierung des Besitzes im Kloster durch. Da die Mönche alle Verhandlungen ablehnen, verlangt der Rat der Stadt die Räumung des Klosters binnen vier Wochen.
Wiederum beschweren sich die Franziskaner beim Bischof. Fürst Johann in Dessau, noch katholisch gebunden, verlangt vom Rat, die Mönche in Ruhe zu lassen und schickt eine Vorladung an den Zerbster Rat zu einem Gespräch nach Roßlau. Als der Rat von dort zurückkehrt, setzt er sich an die Spitze der antikatholischen Bewegung, nimmt das Kloster 1526 in Besitz und hat ein großes Ziel erreicht. Sofort werden neue Schlösser und Schlüssel angefertigt, ein Gang der Mönche vom Kloster zur Stadtmauer wird abgerissen, die Glocke von der Kirche heruntergeholt und in das Rathaus gebracht. Mit dem Fall des Klosters war die Hochburg des Katholizismus in Anhalt und Zerbst gefallen.


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2.3. Die Gründung der Schule

Luthers Vorschlag weiter ausführend, wird schon 1526 am Nikolaikirchhof ein eigenes Haus vom Rat als Knabenschule gebaut, eine weltliche evangelische Lateinschule. Dieses Datum gilt als das Geburtsjahr unserer Schule. Sie wird vom Rat eingerichtet, der auch für die Kosten aufkommt. So spielt die Stadt eine bedeutende Vorreiterrolle hinsichtlich eines neuen Schulwesens in Deutschland. Es wird immer ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Stadt bleiben, dass sie als dritte deutsche Stadt Luthers Forderung zur Errichtung neuer Schulen nachkam.
Dass Luther die Entwicklung des Zerbster Schulwesens und insbesondere dieser Schule mit besonderer Teilnahme verfolgte, geht aus einer Vielzahl von Briefen hervor. Aber auch die Reformatoren Bugenhagen und vor allem Melanchthon, der besonders enge Beziehungen zu Zerbst hatte und den ersten Lehrplan der Schule entwarf, wurden vom Rat der Stadt in Schulangelegenheiten oft zu Rate gezogen, besonders auch bei der Wahl von Lehrern. Das alles war für die Entwicklung der Schule äußerst förderlich, so dass sie rasch aufblühte.
So erfolgreich die Schulentwicklung auch verlief, die Franziskaner hatten ihren Kampf noch nicht aufgegeben. 1528 wandten sie sich an Kaiser und Reich. König Ferdinand in Prag, der Stellvertreter des Kaisers, verurteilte den Rat wegen seines Eingreifens in die Rechte des Klosters. Im Frühjahr 1529 - inzwischen waren die Kräfte der Gegenreformation in Deutschland zusehends erstarkt - klagen die Franziskaner beim Reichskammergericht in Speyer. Darauf erfolgt ein kaiserlicher Erlass an den Rat der Stadt, das Kloster binnen sechs Wochen an die Mönche zurückzugeben. Aber der Rat bleibt fest und unerschrocken, reicht eine Verteidigungsschrift beim Reichskammergericht ein und schickt eine Abordnung nach Speyer.
Am 6. September ergeht in Speyer - im Geiste der alten Kirche - der Urteilsspruch, in welchem der Rat der Stadt aufgefordert wird, den Franziskanern das Kloster zurückzuerstatten und die entstandenen Schäden zu bezahlen.
Es ist eine große Stunde in der Geschichte der Stadt Zerbst, als Klaus Kramer, der Bürgermeister, den Entschluss fasst, nicht nachzugeben. ,,Die grawe Mönche wider einzunehmen mitnichte gewilligen. Es koste Leib oder Geltt. Die Clenoden auch nicht zurück, nich, nich, nich", so lautet seine für die weitere Entwicklung unserer Schule so mutige Antwort. Zerbst war keinesfalls gewillt, auch nur im geringsten zurückzuweichen. Schließlich wurde der Konflikt an die anhaltischen Fürsten überwiesen und im November 1530 zugunsten der Stadt beigelegt. Der Rat Stadt hatte sich im Kampf gegen die alte Kirche, gegen seine eigenen Landesfürsten sowie gegen Kaiser und König behauptet. Die Hochburg katholischen Lebens in Anhalt und Zerbst war endgültig zen schlagen.
Als im Dezember 1530 das neue Schulhaus abbrannte. stand nun nichts mehr im Wege. so wie es Luther vorgeschlagen hatte, in die Räume des nun leer stehenden Barfüßerklosters einzuziehen. Es wird wohl kaum eine weiterführende Schule in Deutschland geben, die darauf verweisen kann, seit 1532 ununterbrochen im selben Gebäude beheimatet zu sein.


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3. Zerbst als Universitätsstadt

Neben dieser Schule befand sich von 1582 - 1798, also über 200 Jahre, in den Klostermauern das Gymnasium illustre, die Anhaltische Landesuniversität. Sie ist in die Reihe der kleinen Landesuniversitäten einzureihen, die im Zuge der religiösen und theologischen Auseinandersetzungen nach der Reformation entstanden sind. Allerdings ist sie die einzige Einrichtung ihrer Art auf dem Territorium des heutigen Landes Sachsen-Anhalt. Die 1526 gegründete Johannisschule verstand sich als Unterbau, als Corpus der Hochschule und unterstand dem Rektor der Universität. In der Zeit ihres Bestehens hatte die Anhaltische Landesuniversität in Zerbst 9 Rektoren (die Ölbilder hängen heute wieder in der Aula des Francisceums), deren Amtszeit zwischen 6 und 42 Jahren schwankte. 16 Fürsten (jeweils die Senioren des Hauses Anhalt) waren nacheinander die Patronatsherren der Universität.
Im Verlaufe der 216 Jahre bildete diese kleine Universität 2713 Studenten aus, davon 83 Ausländer (alle Matrikel der Hochschule befinden sich noch in unserer Francisceumsbibliothek).
Die Gründung der Universität unter dem damals Anhalt allein regierenden Fürsten Joachim Ernst verfolgte das Ziel, die anhaltischen höheren Beamten, Studenten, Lehrer, vor allem aber auch die Theologen, dem großen Einfluss der streng lutherisch geprägten Universitäten Wittenberg und Leipzig zu entziehen, da Anhalt, ohne offiziell reformiert zu werden, immer mehr zum Calvinismus überging.
Zerbst rühmte sich, der Zufluchtsort aller "Calvinisten" zu sein, und in der Tat strömte auch an die Zerbster Hochschule eine große Flüchtlingswelle von Studenten aus den reformierten Landen Deutschlands und des Auslands. Die an der Hochschule lehrenden Professoren, meist auf Grund ihres reformierten Glaubens von den lutherischen Universitäten vertrieben, verschafften der Hochschule ein großes Ansehen.
Viele Anhaltiner, die in Zerbst studierten, brachten es zu hohen Ehren und großen Erfolgen. So erreichten allein 13 Anhaltiner die Würde eines Rektors der Universität Frankfurt (Oder), früher eine der bedeutendsten Universitäten Deutschlands.
Die Wirren des 30jährigen Krieges, die ständigen Streitereien theologischer Natur, der wirtschaftliche Niedergang Zerbsts und die finanziellen Miseren führten dazu, dass die Hochschule 1798 geschlossen wurde.


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4. Gründung des Francisceums

Bis 1793 wurde Zerbst von dem letzten der Anhalt-Zerbster Askanier, dem Fürsten Friedrich August, regiert, der das Zerbster Land schwer bedrückte.
Ein Aufatmen ging durch die Stadt, als Zerbst durch Losentscheid dem Dessauer Fürsten Leopold Friedrich Franz zufiel. "Vater Franz" leitete nun in Zerbst eine segensreiche Regierungszeit ein. Unsere Schule, die den Namen seines Gründers und Förderers trägt, hat ihm sehr viel zu verdanken, durfte sie sich doch in besonderem Maße seiner landesväterlichen Fürsorge erfreuen.
Hatte Fürst Franz bereits im Dezember 1774 in Dessau seine berühmte Musterschule, das Philanthropinum, gegründet, so baute er unmittelbar nach seinem Besuch in Zerbst mit großen finanziellen Mitteln das altehrwürdige Franziskanerkloster, das baulich nahezu verfallen war, zu einem modernen Gymnasium aus. Dabei war er auch bemüht, am Francisceum der fortschrittlichen Pädagogik der Philanthropisten zum Durchbruch zu verhelfen. Und so nahm das Schulwesen in Anhalt und Zerbst mit der Gründung des Francisceums einen bemerkenswerten Aufschwung. Der sich nun am Francisceum vollziehende Richtungsstreit zwischen Altphilologen und Philanthropisten, der äußerst heftig geführt wurde, befruchtete insgesamt gesehen die pädagogische Arbeit dieser Bildungsstätte und ließ den guten Ruf des Francisceums weit über Zerbst hinaus dringen. Die hohen Bildungsideale des humanistischen Gymnasiums bestimmten über ein Jahrhundert die Lehr- und Lernarbeit. So kann unsere Schule auf eine lange und reiche Tradition einer geistig anspruchsvollen Erziehung zurückblicken. Auch das Spezifische unserer Bildungsstädte, das, was man als besonderes Kolorit unserer Schule bezeichnen kann, sollte als aktives Erbe anhaltischer Geschichte gewahrt, gepflegt und vor allem auch gefördert werden.
In diesem Sinne fühlen wir uns verpflichtet auch heute die historische Rolle der ältesten Schule Sachsen-Anhalts als bedeutsamer Kulturträger des Landes und der Stadt wach zu halten, hat sich doch diese Schule entscheidende und bleibende Verdienste im geistigen, wissenschaftlichen, kirchlichen und kulturellen Leben Anhalts erworben.

Dr. E. Schmaling

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Zur Baugeschichte des Franziskanerklosters

Sehr viele Quellen, die wir zumeist in der eigenen historischen Bücherei finden, beschreiben die bauliche Geschichte unseres ,,Klosters", die aber auch Geschichte von Verfall und Neugestaltung ist.
Die älteste Kunde aus dem Jahre 1246- der Papst Innocenz IV, gewährte allen Förderern der Minoritenbrüder einen Ablass für 40 Tage - lässt noch nicht eindeutig auf die Anwesenheit der Franziskaner in Zerbst schließen. Dagegen ist urkundlich belegt, dass die Klosterkirche am 16.2.1252 vorhanden war. Ein Epitaph der Sophie von Barby weist darauf hin, dass sie den Barfüßern das Grundstück zur Verfügung stellte (...fundatrix hujus loci...). Ob die ,,Begründerin dieses Ortes" auf Grund der Inschrift als Stifterin für das gesamte Kloster anzusehen ist, bleibt auch deshalb ungeklärt, weil der Gedenkstein erst lange nach ihrem Tode geschaffen worden ist. Der Mönchsorden der Franziskaner errichtete hier bereits 20 Jahre nach dem Tode des hl. Franz v. Assisi im Schutze der Stadtmauer eines seiner schlichten einschiffigen Kirchengebäude - ohne Turm, ohne Schaugiebel oder sonstige Zierelemente. Der Giebel dieser ersten Kirche zeichnet sich im Westen deutlich dunkler vom Mauerwerk ab. Die Mauern dieses frühgotischen Gebäudes waren noch romanisch dick und die Fenster klein, von denen zugemauert eines an der Nordwestseite sichtbar ist. Ein frühgotisches Nordportal zeigt nicht mehr diese strenge Bescheidenheit und ist wahrscheinlich einige Jahrzehnte später ein gefügt worden. Es musste 1912 ausgegraben werden, da das umliegende Friedhofsgelände, der heutige Schulhof, etwa um 2 m aufgeschüttet worden war. Im Süden entstanden die schönen Kreuzgänge, die von der Kirche und drei Klostergebäuden entlangliefen und mit dem Kirchenschiff den ersten Klosterhof bildeten. In gleicher Weise entstand noch ein zweiter Klosterhof. Weil die Kirche sich bald als zu klein erwies, wurde sie im 14. Jahrhundert erhöht und durch einen großen Chor nach Osten auf die heutige Länge gebracht. Nunmehr ließen hohe gotische Fenster viel Licht in das Innere. Der wie auch mehrere Kapitelsäle heute noch erhaltene Remter südlich des kleinen Hofes wurde 1470 bis 1472 an der Stelle des ursprünglichen gebaut, weiterhin eine Bibliothek. Diese ist wahrscheinlich der darüber gehende ebenfalls kreuz gewölbte Raum. Mit Unterbrechung zur Zeit des Gymnasium illustre nimmt er bis heute die Bücherei auf. Die schlichte Erhabenheit des gesamten Bauwerkes innen und außen ging weder durch den gotischen Umbau noch bei der nächsten großen Veränderung um 1800 verloren. sondern beeindruckt jeden Besucher noch immer. Nach der Auflösung des Klosters 1526 und dem Einzug der Johannisschule in das Gebäude 1532 hat es starke Veränderungen gegeben. 1535/36 wurden im Kloster Steine ,,ausgegraben und ausgebrochen". Man verwendete sie zum Bau des neuen Hauses auf dem Markt. Einige Gebäude wurden abgerissen. andere instandgesetzt. Vom umliegenden Friedhof verschwanden die Grabsteine. Der Superintendent Ulrich schilderte um 1575 den unwürdigen Zustand des Klosters. Die Kirche war Holzlager und Arbeitsstätte für die Zimmerleute, während in einem anderen Teil (dem Chor?) noch Gottesdienste und Beerdigungen stattfanden. Der einflussreiche Ulrich wollte die Kreuzgänge niederreißen lassen, um Steine für einen anderen Schulbau zu gewinnen. Aber der Rat wandte sich energisch dagegen und konnte es verhindern.
Die Gründung des Gymnasium illustre brachte eine rege Bautätigkeit mit sich, bei der von 1581 bis 1583 insgesamt 816 Taler aufgewendet wurden. Im Westen entstand 1584 ein Renaissancebau mit einem Treppenturm, um Lehr- und Wohnräume zu gewinnen. Allerdings wurde das Kirchengebäude nicht in den Schulbetrieb einbezogen und auch nicht instand gehalten. Der Zustand bei Schließung des Gymnasium illustre ist 1797 vom Rektor der Johannisschu1e, Richter, beschrieben und auch durch einen Grundriss von ihm illustriert worden, bereits 1680 war das Kirchendach eingestürzt. Die Umfassungsmauern begannen zu verfallen, im Inneren wuchsen große Bäume. Die Ruine ist jedoch nicht abgetragen, sondern 120 Jahre später in genialer Weise zu dem jetzigen Schulhauptgebäude umgestaltet worden. Die Kreuzgänge waren schon 1582 überbaut, in die Klostergebäude einbezogen und bis an das Kirchenschiff herangeführt worden.
Sie besaßen nun durchgehend eine Oberetage, die wie unten die Form einer 8 bildete. Das erforderte die Schließung der südlichen Fenster des Chores, der heutigen Aula. 1803 wurde die enorme Höhe des Langschiffes durch zwei Decken geteilt, das erlaubte den Einbau von acht großen Klassensälen. Die Decken entstellen die gotische Fassade erheblich. Da der übrige Umbau sehr geschickt und großzügig erfolgte, fällt diese Sünde besonders ins Auge. Vielleicht findet sich einmal ein Sponsor, der es ermöglicht, eine Verblendung mit angepasstem Ziegelmauerwerk vorzunehmen. Ein Treppenhaus trennte nun den Chor, der noch Ruine blieb, vom Langhaus, Die Kirche wurde außerdem nach Süden um den Kreuzgang verbreitert, über dem dadurch der beeindruckende Hauptflur entstand, der unvergesslich jedem Menschen in Erinnerung bleibt, der diese Schule besucht hat. Ein zweiter fast 50 m langer Flur, der Alumnatskorridor. erhielt eine gotisch gewölbte Holzdecke. Er besitzt ein großes gotisches Südfenster über die gesamte Stirnbreite, die Nordseite ziert das Maßwerk eines zugesetzten Fensters der Aula. Der breite Gang beeindruckt mit seiner einfachen Strenge, die durch Sparsamste Gestaltungselemente unterstrichen wird. Wegen seiner ausgezeichneten Akustik ist er auch als Konzertsaal nutzbar. Die Ruine des Chores der Klosterkirche wurde erst 1871 ausgebaut. In seinem Obergeschoß entstand die feierliche Aula. Ihre Holzdecke erhielt später eine bemerkenswerte Bemalung, deren Parallelstücke in Magdeburg im letzten Krieg sämtlich untergegangen sind. So ist das gesamte Gebäude bei Wahrung seiner baulichen Integrität für die Bedürfnisse eines Gymnasiums hergerichtet worden.
Wenn ein Zerbster hier zur Schule ging, dann hieß es noch bis in die jüngste Zeit: „Er geht aufs Kloster". Erst aus diesem Jahrhundert stammt eine Zutat die eher als Untat zu bezeichnen wäre. An die Stelle eines zwar ebenfalls stufenden aber schonen Renaissanceportals wurde ein würfelförmiger Eingangsbau gesetzt. Sollte es unmöglich sein mit Hilfe der Denkmalspfleger das Portal eines im Krieg zerstörten gotischen Bauwerks hier mit Sinn wieder aufzurichten? Der sehenswerte Rundturm von 1482 an der Stadtmauer gehört ebenfalls zur Schule und wird für den Astronomieunterricht genutzt. Neben dem Turm befindet sich an der Außenseite der Mauer eine Tafel: ,,Hier erstiegen Ernst's von Mansfeld Truppen am 16. März 1626 die Mauer und nahmen die Stadt ein." Damit begann für Zerbst das Elend des 30jährigen Krieges und der Niedergang dieser größten und reichsten Stadt der Fürstentümer Anhalts. Die Stadtmauer bildet auf einer Länge von fast 180 m die Begrenzung des Schulgeländes und enthält auf diesem Stück noch einen Halbschalenturm. der völlig mit Efeu überwachsen ist. Mit dem vor gelagerten Grüngelände, den Büschen und den stattlichen Bäumen bildet die Mauer eine wundervolle Kulisse für das ehrwürdige Klostergebäude. Schon bald könnte der alte Klosterbrunnen wiederhergestellt werden, dessen Teile unbeschädigt auf dem Gelände stehen.
In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg reichten trotz aller Bemühungen die Mittel nicht aus, um die nötigen Reparaturen und Modernisierungen zu ermöglichen. Erst im Jahre 1992 erhielt der gesamte Komplex neue Dächer mit einem Kostenaufwand von etwa 1.5 Millionen DM. An mehreren Stellen mussten schadhafte Balken ausgewechselt sowie Schädlinge und Pilze bekämpft werden. Die Auladecke wurde demontiert, restauriert und wieder eingebaut. Nach dem Abschlagen des Putzes wurden die Fenster an der Südseite sichtbar. Ihre Konturen gliedern die neue Wandfläche, die wieder die historischen Bildnisse der Rektoren des Gymnasium illustre und des Francisceums (bis Münnich) trägt. Aus Anlass des l90jährigen Schuljubiläums im April 1993 ist die Aula als erster Teil der Francisceumsgebäude für 300.000 DM restauriert worden. Dafür gab es direkte Unterstützung durch das Bildungsministerium des Landes Sachsen-Anhalt. In einem langfristigen Sanierungsprogramm sind neue Installationen, Fenster, Fußböden und Fassaden für das ganze Gebäude vorgesehen. Jedoch sollte der auch schon geäußerte Wunsch, die alte graue Kirchenfassade zu verputzen, sicher nicht in Erfüllung gehen. Das Francisceum in Zerbst ist ein Baudenkmal und eine Kulturstätte von nationalem Rang, es repräsentiert die Geschichte der Stadt Zerbst. Das ist ein hoher Anspruch und eine große Verpflichtung. Der Übergang der Schulträgerschaft von der Stadt an den Landkreis Zerbst am 1.1.1993 entsprechend dem Bildungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt ändert an diesen Feststellungen wenig. Die enge Zusammenarbeit des Francisceums mit der Stadt und dem Kreis im Interesse der gemeinsamen Aufgabe, der Erhaltung und Wiederherstellung des historischen Gebäudekomplexes, wird für deren Bewältigung die beste Voraussetzung sein.

W. Tharan

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200 Jahre Francisceum

Die Schulleiter des Francisceums


  1. Prof. Dr. Gottfried Schickedanz 1803-1808
  2. Dr. Gottfried Fähse 1809-1830
  3. Dr. Christian Heinrich Karl Ritter 1830-1850
  4. Prof. Dr. Karl Heinrich Ferdinand Sintenis 1850-1867
  5. Dr. Gottlieb Stier 1868-1893
  6. Dr. Ferdinand Seelmann 1894-1908
  7. Dr. Gustav Reinhardt 1908-1927
  8. Dr. Franz Münnich 1927-1945
  9. Dr. Martin Otto 1945-1950
10. Wolfgang Gröseling 1950-1954
11. Hanns-Wolfgang Brosig 1954-1959
12. Helmut Topf 1959-1974
13. Alfred Mertinat 1974-1984
14. Dr. Inge Werner 1984-1991
15. Dr. Hans-Eberhard Schmaling 1991-2007
16. Hans-Henning Messer seit 2007


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Erlebnisbericht

...Weil ich nach Vaters Wunsch die Schule mit dem Abitur abschließen sollte, hatte er weit blickend beim Kultusministerium in Dessau erreicht, dass ich das Jungen-Gymnasium "Francisceum" als erstes Mädchen besuchen durfte. Als ich an dem entscheidenden Morgen nach Ostern 1923 die Quinta betrat, schauten mir die ungläubigen Augen von ca. 30 Jungen entgegen. Sofort war ich an meiner Bank, die vor der Klasse stand, von einer neugierigen Horde umringt, und das erste Begrüßungswort von meinem Klassenkameraden Herbert Ahrend werde ich nimmermehr vergessen: "Eins musst du wissen, wenn du petzt, kriegste Klassenkeile". Gleich in der ersten Pause hatte jemand aus den höheren Klassen an die Tafel geschrieben: "Haut die Weiber aus der Quinta raus!" Dabei war ich doch nur ein einziges spilles Ding von 10 Jahren. So toll war jedenfalls der damalige Männerstolz der Schule getroffen. Nach einiger Zeit kam die Adoptivtochter eines Fabrikanten noch zu uns in die Klasse, Liselotte Spirgatis. Sie verließ nach einigen Wochen die Schule wieder, weil die Eltern nach Berlin verzogen. Eine Gastrolle in einer der höheren Klassen gab ebenfalls Lilo Barth. Mein Vater bemühte sich Herrn Pastor Krause zu überreden, seine Tochter Magdalene ins Gymnasium überwechseln zu lassen, aber es gelang ihm nicht. So blieb ich allein, bis in der Untertertia noch 3 Mädchen eintraten: Anneliese Jauchen, Ingeborg Lüderitz und Ruth Rother. Anneliese ging nach der Untersekunda wieder ab.
Als ich Schülerin war, baute sich nach 4 Grundschuljahren das Gymnasium von Sexta her auf. Jede Klasse hatte eine besondere Mütze: EXTRA - DUNKELBLAU MIT ROTEM Streifen, Quinta - rote Mütze mit Orange-Streifen, Quarta - hellblaue Mütze mit gelbem Streifen und Silberbiese, Untertertia - karminrote Mütze mit blauem Streifen und Silberbiese. Obertertia - karminrote Mütze mit grünem Streifen und Silberbiese, Untersekunda - gelbe Mütze mit schwarzem Streifen und Silberbiese, Obersekunda - gelbe Mütze mit schwarzem und goldenem Streifen, Unterprima - weiße Mütze mit schwarzem Streifen und Silberbiese, Oberprima - weiße Mütze mit schwarzem Streifen und breitem Goldstreifen. Heutzutage lacht man sicher über diese Mützenordnung; wir fanden sie gut, denn man war jede Sorge um die Wahl der Kopfbedeckung los, und die Buntheit der Schülermützen belebte das Kleinstadtbild ungemein.
Unser Schülerorchester war ansehnlich und wurde stets von einem Schüler geleitet; zu den Aufführungen bot es Konzertstücke und hat unsere Chordarbietungen begleitet. Die Aula beherbergte auch eine kleine Orgel, die in der ersten Zeit täglich von einem Schüler gespielt wurde, denn jeder Schultag begann mit der Andacht in der Aula. Jede Klasse bekam am Anfang des Schuljahres die Bankreihen und jeder Schüler seinen Platz zugewiesen. Ich kann mich nicht besinnen, dass das Hineinströmen der Schüler-Hunderte und das Verteilen in die Klassen nach dem Schluss der Andacht mit besonderem Lärm verbunden gewesen wäre. Es war alles so selbstverständlich und gewohnt. Jede Andacht begann mit einem Choralvers und endete damit. Die Lehrer verlasen abwechselnd einen kurzen Bibelabschnitt und die Auslegung dazu und gaben Mitteilungen für den Tag und die Woche. Am Ende oder Anfang jeder Woche sprach der Direktor.

Die Lehrer des Gymnasiums:
Der Klassenlehrer der ersten Jahre, war Dr. Schad und der Turnlehrer Schade. "Hänschen" Urban war der Musiklehrer. In den Chorpausen fantasierte er wunderschön am Flügel, und wenn wir beim Singen in den "Keller" abzurutschen drohten, sah er mich flehentlich an und stippte mit dem Finger nach oben, aber es ist mir in den seltensten Fällen gelungen, die ganze Meute wieder in höhere "Etagen" zu ziehen. Dr. Schad war unser liebster Lehrer, der Deutsch und Französisch unterrichtete. Flegeleien und Streiche boten wir ihm komischerweise gar nicht an; er nahm es aber auch nicht tragisch, wenn wir mal ein Buch vergessen hatten oder uns verspätet hatten. "Was machen wir mit dem?" fragte er in solchen Fällen. "Uffhängen"! brüllte die Klasse und das Vergehen war gesühnt. Lautes Gelächter der ganzen Meute! Bei anderen Lehrern wurde man ins Klassenbuch eingetragen, und das hatte Folgen für die Noten.
Dr. Schulze ("Napoleon") gab Latein und Geschichte. Leider hat ein Herzleiden diesem Lehrer-Leben ein frühes Ende gesetzt. Dr. Scheffler gab Mathematik und Geographie. Religion und Physik hatten wir bei Dr. Häußler ("Papa"); er war wirklich ein gütiger "Papa", doch wir haben bei ihm viel dummes Zeug getrieben. Heute kann ich nicht mehr verstehen, warum wir ihn so geärgert haben! Biologie und Chemie bei Prof. Dr. Hinze, dem Zerbster Schloss- und Museumsdirektor, war schon interessant. Über das schlimme Biber-Sterben in der verseuchten Elbe war er damals sehr bekümmert; in der naturwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft haben wir mit ihm zusammen einen verendeten Biber seziert, dem eine Seuche die Lunge gänzlich zerstört hatte. Zur Beobachtung dieser Tiere sind wir mit ihm zur "Hoplake" gefahren, weil dort, im Mündungsgebiet der Nuthe die Biber ihren Lebensgewohnheiten nachgingen und ihre "Burgen" bauten.
Von Sekunda an wechselten die Lehrer: Französisch übernahm Heimo Manfred Schultze, ein langer, sonderbarer Mensch, der uns neben dem Unterricht aus mancherlei Anlass lange Vorträge über gesellschaftliches, menschliches und völkisches Verhalten hielt und hochstielig über unsere Zukunft philosophierte. Zuerst gab er auch Englisch, aber weitergeführt und mehr gefördert hat uns bis zum Abitur Studienrat Mühlenhaupt.
"Pelikan" war der Spitzname von Dr. Kurth, einer langen dünnen Gestalt, Stimmlage im Diskant, wobei der Adamsapfel rauf und runter hüpfte. Er schmiss gern mit Kreide nach uns, wenn wir zuviel schwatzten oder stellte uns in die Ecke! Er war ein sehr gescheites Haus, freundlich.
Wäre noch Dr. Reinhold Specht zu nennen; erst lehrte er uns Latein und Religion, später Deutsch, bis er als Archivrat an das Staatsarchiv berufen wurde. Bei ihm mussten wir pauken, er war streng und unberechenbar. Wir haben bei ihm den ganzen! "Kleinen Katechismus" auswendig lernen müssen und viele kirchengeschichtliche Informationen erhalten.
Unser letzter Klassen-, Latein- und Geschichtslehrer war Prof. Hermann Müller ("Männe"). Kennzeichen: Schlohweißes Haar, Dauerspiel an der Uhrkette und ständiger Tropfen an der Nase.
Wir drei Mädchen saßen auf einer Bank, die vor der Klasse aufgestellt war. Dabei fällt mir ein: In den unteren Klassen gab es noch Platzverteilung nach Zensuren; damals wechselte ich mit zwei Jungens auf den oberen drei Plätzen ab, dann auf zwei, und zuletzt saßen Inge und ich auf den ersten Plätzen! Dann aber waren wir froh, dass wir nach dem ABC gesetzt wurden und zuletzt herrschte obige Platzordnung. Dr. Schad hatte da noch eine besondere Methode: Waren versetzungsgefährdete Kandidaten dabei, und wir schrieben eine für diese Leute entscheidende Arbeit, setzte er uns gute Schüler kurzerhand unter die schlechten, und die Methode war meistens von Erfolg gekrönt! Sein Argument war schlitzohrig: "Ihr schreibt da hinten immer voneinander ab!"
Der "lange Franz" war unser "Direx". Nach dem alten, ganz völkisch-national gesinnten Dr. Reinhardt trat Dr. Münnich sein Amt 1927 an. Mit ihm wurde die Schul-Atmosphäre demokratischer. Als Altphilologe und Theologe hat er wenig Unterricht erteilt, denn er hatte als Direktor viele andere Aufgaben zu bewältigen! Lediglich in der letzten Zeit der Oberprima gab er bei uns Religion. Schon für diese Zeit bin ich ihm von Herzen dankbar. Er hat mit uns die Apostelgeschichte gelesen, die dramatisch bewegte Zeit der ersten Christen in Palästina, Kleinasien und Südeuropa! Der Zugang zur Bibel ist mir dadurch wieder leichter geworden, nachdem ich mich gar nicht mehr mit ihr beschäftigt hatte. Dabei ist die Bibel doch ein Buch der Weltliteratur. Münnich hat außerdem in meinem Leben Schicksal gespielt, ohne dass es ihm jemals zum Bewusstsein gekommen ist. Eifrige Theologen würden in diesem Falle von einem Werkzeug oder der Führung Gottes sprechen; in meinem späteren Leben ist mir sowieso klar geworden: Der Steuermann meines Lebens bin nicht ich! Um es kurz zu berichten: Nach dem Abitur erhielt ich von der Schule ein ansehnliches Stipendium, und ich meldete mich beim Direktor zu einem Dankesbesuch an. Im Verlaufe des Gesprächs fragte er nach meinen Studienplänen; als ich Jena als Studienort nannte, bot er mir an bei seinem ehemaligen Studienfreund Prof. Weinel nach einer Wohnung für mich anzufragen. Ich nahm diese Fürsorge an.

Berlin, 15. April 1993

Ida Koch geb. Möhring

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Nach jahrelanger Suchaktion - die wertvollen Fürstengemälde des Francisceums sind wieder aufgetaucht

Der Zusammenbruch am 16. April brachte für Zerbst die furchtbare Zerstörung. Ihr reizvolles stilreiches Stadtbild, ein städtebauliches Kleinod, da viele Kunstfreunde, Baumeister und Maler anzog und der Stadt liebevoll den Namen "das nordische Rothenburg" einbrachte, war ausgelöscht. Im Stadtkern blieb nur das alte Franziskanerkloster mit seiner Bildergalerie von den Flammen verschont.
Gleich, nachdem Zerbst von sowjetischen Truppen besetzt worden war, wurde aber alles getan, Tradition und Geschichte dieser so bedeutenden Bildungsstätte zu zerstören, zu verzerren oder auch totzuschweigen. Die Historie des Gymnasiums illustre, der Anhaltischen Landesuniversität, die immerhin 216 Jahre lang bestand, und des Francisceums sollten schnell vergessen werden.
So wurde Ende der 40er Jahre unter dem Direktor Wolfgang Gröseling aus der schönen stimmungvollen Aula die Orgel herausgerissen, weil sie zu sehr an die Kirche erinnerte. Die sehr geschmackvolle Erinnerungstafel, die zum Gedenken an die im 1. Weltkrieg gefallenen Francisceer in der Aula errichtet worden war, wurde abgenommen und verheizt. Statt der alten Bänke erhielt die Aula jetzt Klappstühle, die dem altehrwürdigen Saal etwas vom Aussehen eines Kursaals verlieh. Die Sitzflächen wurden um 180 Grad gedreht, so dass man nun die Rückwand zur Vorderwand machte, auf der nun das Bild von Wilhelm Pieck prangte. Und natürlich mussten bei dieser Aktion vor allem die Bilder der anhaltischen Fürsten, die 1876 in der neu erbauten Aula aufgehängt worden waren, als "reaktionärer Ballast" verschwinden (Die Gemälde der Rektoren des Gymnasiums illustre und des Francisceums wurden erst 1960 aus der Aula entfernt!).

Unauffindbar und keinerlei Hinweise

Dies war ein schwerer Schlag für Zerbst und alle Francisceer, waren es doch gerade die Anhaltischen Fürsten, die sich mit hohen Kosten und viel Engagement für die Anstalt permanent einsetzten, die die Schule zur führenden Lehranstalt Anhalts profilierten. Und auch als 1603 das Anhaltland wieder unter die vier fürstlichen Brüder aufgeteilt wurde, blieb das Zerbster Gymnasium durch den Rezeß von 1606 ausdrücklich "als höchstes Kleinod des Landes Anhalt" dem Gesamthaus Anhalt unterstellt und erfreut sich der besonderen Unterstützung der Fürsten. Der jeweils ältestregierende Fürst (Senior) hatte die Geschäfte der Anstalt als Patronatsherr zu führen. Er wurde von berühmten Malern porträtiert, wo sie von 1582 bis 1798 im Auditorium, dann bis 1875 im Alumnatskorridor und schließlich bis1945 in der Aula hingen.
Was nach 1950 mit den Bildern geschah, entzieht sich trotz intensiver Recherchen unserer Kenntnis. Die Fürstenbilder waren unauffindbar, es gab keine Unterlagen und leider auch keine Fotos der einzelnen Bildnisse.
Als im April 1991 die ehemalige Erweiterte Oberschule in Zerbst in Rückbesinnung auf ihre langjährige Tradition den Namen "Francisceum" wiedererhielt, 1992 die Bilder der Rektoren des Gymnasiums illustre und des Francisceums unter fachkundigen Händen kostenaufwendig restauriert und Sicherheitsanlagen für die Aula und jedes einzelne Bild installiert wurden, leistete die Schulleitung eine regelrechte kriminalistische Arbeit, um die für unser Gymnasium äußerst wertvolle Sammlung der verloren gegangenen neun Fürstenbilder wiederzubeschaffen und in die Aula zurückzuholen.
Wer einen Blick in die Aula wirft, wird unschwer erkennen, dass hierfür bereits vorsorglich die gotischen Fenster der Südseite, die zum Alumnatskorridor angedeutet sind, den entsprechenden Platz für eine bald vollständige Bildergalerie bieten sollten. Denn die Hoffung, die für Zerbst so bedeutenden Bilder zurückzubekommen, wurde niemals aufgegeben!
Da wir auch in vielen persönlichen Gesprächen mit Zerbster Bürgern als auch bei den entsprechenden Institutionen und Ämtern keinerlei Angaben über den Vorgang des Wegtransports der Bilder erhielten, waren wir froh, in der Francisceumsbibliothek Beschreibungen zu den einzelnen Fürstenbildern zu finden. Gemeinsam mit Herrn Hänze, der sich unserer Schule besonders eng verbunden fühlte, wurden mehrere Fahrten nach Dessau und Mosigkau unternommen.

Viel Unterstützung auf allen Ebenen

Hier im Schloss Mosigkau wurde dann Mitte 1992 die erste "heiße Spur" unserer jahrelangen Suchaktion nach den Gemälden gefunden. Mittels eines alten Aulafotos konnten wir in Umrissen ein Fürstengemälde identifizieren, wobei uns hierbei besonders der Bilderrahmen, den wir sofort erkannten, zum Ergebnis verhalf.
Nach diesem ersten Erfolg wurden unsere Aktivitäten noch intensiviert, aber sie blieben ergebnislos. Immer mehr kristallisierte sich für uns heraus, dass sich die Gemälde in Dessau befinden müssten. Trotz wiederholter Bemühungen, großer Anstrengungen und mehrerer schriftlicher Anfragen beim damaligen Direktor der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, Herrn Dr. W. Schade, erfuhren wir hier keinerlei Unterstützung, im Gegenteil: wir wurden von ihm wiederholt brüsk abgewiesen. Im September teilte er uns mit, dass es in keinem Fall Hinweise auf das Francisceum als Eigentümer von Fürstenbildern gebe, um uns schließlich im Februar 1993 zu schreiben, dass er keinerlei Anlass sähe, mit uns weiter zu verhandeln. Auf die für die Restaurierung der Fürstenbilder bereits zuerkannten 60.000 DM Fördermittel) mussten wir verzichten.
Daher wandten wir uns nun an alle, von denen wir Hilfe erwarteten. Besonderen Dank schulden wir dem Landtagsabgeordneten Herrn Erich Reichert. Er hat uns großzügigst mit unermüdlichem Einsatz, dabei immer die Zerbster Interessen vertretend, unterstützt und uns wichtige Wege zu unserem Ziel aufgezeigt.
Auch das Kultusministerium, der Ministerpräsident unseres Landes, Herr Dr. Höppner, sowie der Regierungspräsident, Herr F. Kolbitz, ehemaliger Schüler des Francisceums, haben sich unserer Sache angenommen und unsere Bemühungen mit Rat und Tat unterstützt. Bei der Materialsuche haben uns auch viele Zerbster Bürger, hier sei besonders Frau Hilda Seidler, eine große Hilfestellung geleistet.

Hoffnung auf baldige Rückkehr der Bilder

Nach langem Kampf zeitigten unsere Nachforschungen einen großen Erfolg: Am 14. Februar konnten wir nach jahrelanger "Fahndung" und Suche im Georgium sechs der insgesamt noch acht vorhandenen prächtigen Gemälde (zwei befinden sich noch im Schloss Mosigkau) persönlich in Augenschein nehmen. Was für ein wichtiges Datum für Zerbst und das Francisceum, das in die Annalen der Stadt- und Schulgeschichte einzugehen verdient!
Das Gespräch mit dem neuen Direktor der Galerie, Herrn Dr. Michels, verlief recht sachlich, wobei wir aber bereits den Wunsch nach Rückgabe der Bilder nach Zerbst deutlich postulierten (bei diesem Gespräch erfuhren wir nun erstmals, dass die Bilder in den Jahren 1950 - 1956 nach Dessau gekommen sind und dort auch im Werkstatt-Tagebuch des Restaurators erfasst wurden).
Nun hoffen wir, dass die herrlichen Gemälde bald wieder nach Zerbst zurückkommen und die Seitenwand unserer Aula zieren werden. An würdiger traditionsreicher Stelle aufgehängt, sollen sie von der Geschichte des Francisceums und der Stadt Zerbst Zeugnis ablegen.
Alle acht Gemälde sind äußerst wertvolle Bilder. Viel wichtiger als der materielle Wert ist freilich die ideelle Bedeutung der Gemälde für das Francisceum und die Stadt Zerbst. Sie sind und bleiben mit ihrer Geschichte in besonderer Weise ein Stück Zerbster Geschichte und spiegeln das geistige, kirchliche, wissenschaftliche und kulturelle Leben unserer Stadt getreulich wider. So wird es eine Sternstunde für Zerbst bedeuten, wenn die Bilder dorthin, wo sie hingehören und wo sie jahrhundertelang bis 1945 auch hingen, zurückkehren. Hier am Francisceum haben die Fürsten, die in besonderer Weise mit der Schule verbunden sind, sie geschaffen und geführt haben, ihren eigentlichen Wert. Gerade diese Bilder können aus vergangenen Zeiten zu uns sprechen und Geschichte vermitteln und reflektieren.
Zerbst hat im April 1945 durch den Luftangriff unendlich viel verloren, was einst sein Stolz war und was den eigentlichen Reiz und die Anziehungskraft der Stadt ausmachte.
Mögen nun wenigstens die in den 50er Jahren abhanden gekommenen Gemälde mit ihrem großen ideellen Wert nach Zerbst zurückkommen!

Die acht aufgefundenen Fürstenbildnisse:
1. Wolfgang Fürst von Anhalt-Köthen (1492 - 1566)
2. Johann Georg I. Fürst von Anhalt-Dessau (1567 - 1618)
3. Wilhelm Fürst von Anhalt-Bernburg (1643 - 1709)
4. Carl Wilhelm Fürst von Anhalt-Zerbst (1652 - 1718)
5. Leopold I. Fürst von Anhalt-Dessau (1676 - 1747)
6. Viktor Friedrich Fürst von Anhalt-Bernburg (1700 - 1765)
7. Leopold Friedrich Herzog von Anhalt-Dessau (1794 - 1871)
8. Friedrich I. Herzog von Anhalt (1831 -1904)
9. in der Aula noch vorhanden: Leopold Friedrich Franz (Gründer unserer Schule)

Dr. E. Schmaling

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Die Schülerverzeichnisse des Francisceums 1803-1940

Immer wieder wenden sich Familienforscher, wenn sie mit den Eintragungen in den Kirchenbüchern nicht weiterkommen, in steigendem Maße auf die Matrikel und Schülerverzeichnisse, die bis in die Reformationszeit zurückgehen. Im Francisceum vergeht kaum eine Woche, in der nicht nach diesem oder jenem gefragt wird. Es ergibt sich daher die nahe liegende Frage, was denn an unserer alten, nun schon seit 470 Jahren bestehenden Schule an Schülerverzeichnissen aus alter Zeit noch erhalten ist.
Von der ältesten St. Johannisschule (1526-1582) ist überhaupt kein Schülerverzeichnis vorhanden. Die Matrikel des Gymnasium illustre (1582-1797) hat Herr Archivrat Specht im Jahre 1930 veröffentlicht. Sie befindet sich heute in der Francisceumsbibliothek und kann hier mühelos nachgeschlagen werden. Von der Johannisschule, die neben dem Gymnasium illustre von 1582 bis 1803 als Untertan der Anhaltischen Landesuniversität weiter bestand, sind Schülerverzeichnisse ebenfalls nicht vorhanden. Anders liegen die Verhältnisse für die Neuzeit unserer Schule, für das Francisceum. Über die Zeit von 1803 bis 1995 sind große Aufnahmebücher und ein Abgangsbuch vorhanden. Letzteres wurde in mühseliger und zeitraubender Arbeit vom letzten am Francisceum tätigen Oberstudiendirektor, Herrn Dr. Franz Münnich, im Jahre 1938 erstellt.
Da solche Bücher aber nicht nur der familiengeschichtlichen Forschung dienen, sondern doch auch ein gutes Stück Historie sind, seien sie hier einer Würdigung unterzogen.

Das erste Aufnahmebuch wurde 1803 angelegt

Das erste Aufnahmebuch ist ein großer Folioband mit etwa 400 Seiten. Es ist vom damaligen Direktor Schickedanz (1803 bis 1809) angelegt worden und trägt auf der ersten Seite die Eintragung: "Censurbuch für sämtliche Classen der Fürstlichen Franzschule in Zerbst". Leider ist die Schrift der Eintragungen oft derart unleserlich, dass man oft auf Raten angewiesen ist. Auch unter Direktor Fähse (1809 - 1830) wurde es nicht viel anders. Auf Seite 187 dieses Buches beginnt er aber - und von nun auch recht sorgfältig! - das Aufnahmebuch umzugestalten. Die Überschrift lautet: "Catalogus discipulorum in scholam receptorum. Servesta MDCCCX". Im November 1830 beginnen dann die Eintragungen des Direktors Ritter, der bis 1832 das Francisceum interimistisch leitete und von 1832 bis 1850 einer der bedeutendsten Direktoren der Schule war. 1836 wird dieses Buch plötzlich nicht mehr weitergeführt. Es fehlen daher die Namen der Schüler, die zwischen 1836 und 1850 wurden. Dr. Münnich, der sich um Zerbst und das Francisceum so verdient gemacht hat, hat aber auch diese Lücke von 14 Jahren geschlossen, in dem er mittels der gedruckten Schulprogramme und des im Jahre 1903 im Druck erschienenen Primanerverzeichnisses die verloren gegangenen Namen ergänzte.

Das zweite Aufnahmebuch

Von 5.Oktober 1850 bis 30.Oktober 1834 sind auf 476 Seiten die Schüleraufnahmen verzeichnet. Dieses Buch ist ein Riesenfolioband im Format 26 x 40 cm und ist vom Direktor Karl Heinrich Sintenis, der 1850 als Nachfolger Ritters in sein Amt eingeführt wurde, angelegt worden.
Am 21.April erfolgte der Amtsantritt des Direktors Stier. Seine erste Eintragung im Aufnahmebuch fand am 27.April statt. Stier hat das Buch auf das sorgfältigste weitergeführt und eine durchlaufende Numerierung begonnen. Auch enthält dieser Band 2 auf seinen letzten Seiten (467 - 476) noch ein alphabetisches Verzeichnis aller unter Direktor Stier aufgenommenen Schüler mit Angabe der Nummer, unter der sie zu finden sind.

Das dritte Aufnahmebuch

Am 1.Januar 1885 begann Direktor Stier das 3.Aufnahmebuch anzulegen. Auf die folgenden Direktoren Seelmann (1893 - 1908), Direktor Reinhardt (1908 - 1927) und insbesondere Direktor Dr. Münnich (1927 - 1945) führten das Aufnahmebuch gewissenhaft weiter. Allerdings ist den Direktoren Seelmann und Reinhardt das Versehen unterlaufen, mehrere Schüler zweimal geführt zu haben, was aber von Herrn Dr. Münnich korrigiert wurde. Dieser richtete dann schließlich 1941 mit der ihm eigenen Akribie das 4. Aufnahmebuch ein, dass auch nach 1945 - von kleinen Ungenauigkeiten abgesehen - von den nun folgenden Direktoren Dr. Martin Otto (1945 - 1950), Wolfgang Gröseling (1950 - 1954), Hanns - Wolfgang Brosing (1954 - 1959), Helmut Topf (1959 - 1974), Alfred Mertinat (1974 - 1984) und Dr. Inge Werner (1984 - 1991) tadellos weitergeführt wurde und auch heute noch von uns benutzt wird, so dass wir die Gesamtzahl der am Francisceum entlassenen Schüler erfasst haben. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich erst seit 1922 auch Mädchen auf dem Francisceum befinden, deren Namen nun ebenfalls in den Schülerverzeichnissen stehen. Die erste Schülerin war Ida Möhring (Koch), die heute in Berlin wohnt und alljährlich zu den Francisceertreffen noch nach Zerbst kommt.

Der 10750. Schüler wird in diesem Schuljahr entlassen.
Von 1803 - 1850 wurden 2656 Schüler,
von 1850 - 1900 wurden 2518 Schüler,
von 1901 - 1940 wurden 1522 Schüler,
von 1941 - 1945 wurden 73 Schüler und
von 1946 - 1995 wurden 3882 Schüler entlassen.

1996 werden voraussichtlich 110 Schüler aus dem Fransisceum verabschiedet. So können wir in diesem Schuljahr anlässlich der Abiturientenfeier den 10750. Schüler seit Schulgründung des Francisceums im Jahre 1803 entlassen. Nach der politischen Wende weist unsere Schule Rekordschüleraufnahmen auf, Schülerzugänge und -abgänge, die die Lehranstalt in ihrer gesamten Schulgeschichte auch nicht nur annähernd erreichte.
Liest man die Schülerverzeichnisse all jener Jahre, so erscheinen immer wieder die Namen der alten Zerbster Familien! Es ist fast, als ob man in einem Adressbuch der Stadt Zerbst blättert, aber in eine, das gleich die Jahre 1803 bis 1996 zusammenfasst. Und wie in den Adressbüchern treten dann auch hier die Namen Meier, Müller, Richter, Ritter, Schmidt und Schulze gleich seitenweise auf. Den Kenner der Zerbster Stadtgeschichte in den letzten 190 Jahren treten lauter bekannte Namen entgegen. Und oft zeigt es sich, dass Generationen auf Generationen der selben Familie unser Francisceum besucht haben. In einzelnen Fällen habe ich bis zu sieben Generationen feststellen können.
Man hat den Gymnasien oft vorgeworfen, dass sie eine Art Standesschule gewesen seien. Wer die Schülerlisten des Francisceums durchsieht, wird sehr schnell erkennen, dass dieser Vorwurf auf unsere Schule kaum zutrifft. Unendlich viele Kinder des mittleren Bürgertums, aus Kaufmanns- und Handwerkerkreisen und zahlreiche Arbeiterkinder haben von Gründung der Schule an das Francisceum besucht. Fürst Franz hatte mit der Schaffung des Alumnats und der Einrichtung eines kostenfreien Mittagstischs für sozial schwächer gestellte Schüler hierfür bereits die Bedingungen geschaffen. Und gerade viele dieser Schüler haben es später im Leben zu angesehenen Stellungen und Berufen gebracht.

Führende Lehranstalt Anhalts

Dem widerspricht nicht, dass das Francisceum in den Jahren 1850 bis 1891 von auffallend vielen Kindern adliger Familien besucht wurde. War dies bereits für die Anhaltische Landesuniversität typisch (ob der kaiserliche General Albrecht von Wallenstein, der 1626 im 30jährigen Krieg als Sieger in Zerbst einzog, wohl wusste, dass drei seiner Verwandten hier die Hochschule besucht hatten?), so hing dies jetzt mit dem blühenden Alumnat zusammen, das bis 1891 bestand. Dieses Alumnat hatte sich, ebenso wie das Francisceum selbst, unter dem "Dreigestirn" der begnadeten Pädagogen Ritter, Sintenis und Stier glänzend entwickelt, galt als die führende Lehranstalt Anhalts und besaß einen weit über die anhaltischen Landesgrenzen reichenden Ruf. So kam es, dass der viel zitierte Satz, dass jeder, der in Anhalt etwas auf sich hielt, seine Kinder auf das Francisceum schickte, der nicht nur für die anhaltischen, sondern auch für die übrigen deutschen adligen Familien galt.

Berühmte adlige Familien

In den Schülerverzeichnissen des Francisceums finden sich denn auch neben den anhaltischen adligen Familien wie die von Basedow, von Bodenhausen, von Davier, von Fuchs, von Lattorff, von Wulffen und von Wuthenau auch solche bekannten "ausländische" Adelsfamilien, die ihre Söhne in das Zerbster Alumnat gaben, wie von Alvensleben, von Amelunsen, von Arnim, von Blücher, von Bülow, von Götz, von Griesheim, von Hardenberg, von Häseler, von Hellfeld, von Huth, von Jena, von Katte, von Korff, von Larisch, von Ledebur, von Lützow, von Monteton, von Nyrenheim, von Plötz, von Rechenberg, von Salmuth, von Schuchmann, von Siegsfeld, von Werder, von Winterfeldt. Übrigens haben auch namhafte Künstler ihre Söhne dem Zerbster Alumnat anvertraut. Auch nach Schließung des Alumnats behielt das Francisceum seinen Ruf. Insbesondere das Wirken des bei vielen Zerbster Bürgern noch heute unvergessenen Dr. Münnich (wann wird er wohl einmal die ihm gebührende Würdigung durch die Stadt Zerbst erfahren!), der sich selbstlos für Zerbst und die Schule einsetzte, bescherte der ältesten Schule Sachsen-Anhalts eine weitere Blütezeit. So könnte man noch über vieles berichten, was einem beim Durchblättern der Schülerverzeichnisse entgegentritt. Die Namen, über 10600 die dort so scheinbar tot schwarz auf weiß stehen, nehmen wieder Gestalt an. Und immer wieder ruft man erstaunt aus: Ach, der ist auch auf dem Francisceum gewesen! Dann fühlt man mit Stolz, was diese alte Schule Tüchtiges geleistet hat und den vielen Tausenden an Schülern an Rüstzeug für das spätere Leben mitgegeben hat. Möge es auch in Zukunft so bleiben! Der damalige das dritte Aufnahmebuch beginnende Direktor Stier verfasste 1885 auf Seite 1 das folgende Distichon, das hier als Abschluss stehen soll:

In Francisceum qui sunt aliquando recepti
discipuli, en horum nomina scripta legis.
O utinam aeternae sua quisque aliquando beatus
audiat e vitae nomina lecta libra!

was etwa heißt:

Die Schüler, die einmal ins Francisceum aufgenommen worden sind.
Ihre Namen sind hier aufgeschrieben.
Oh, wenn doch ein jeder dieser Glücklichen
einmal seinen Namen aus dem Buch des ewigen Lebens hören könnte!

Dr. E. Schmaling

Die Schülerverzeichnisse des Francisceums - wichtige Anhaltspunkte zur Zerbster Geschichte

Wenn das Francisceum im Jahre 2003 sein 200jähriges Jubiläum begeht, kann die Schule darauf verweisen, vielen Tausenden Schülern das Rüstzeug für das spätere Leben mitgegeben zu haben. Seit Schulgründung im Jahre 1803 bis zum Jahre 2003 wird das Francisceum 11248 Schüler und Schülerinnen entlassen haben.
Blättert man in den Schülerverzeichnissen all jener Jahre, die in unserer Schule noch sämtlich vorhanden sind, so erscheinen immer wieder die Namen der alten Zerbster Familien. Es ist fast so, als ob man in einem Adressbuch der Stadt Zerbst blättert, aber in einem, das gleich die Jahre 1803 bis 2000 zusammenfasst Dem Kenner der Zerbster Stadtgeschichte treten lauter bekannte Namen entgegen. Und oft zeigt es sich, dass Generationen auf Generationen derselben Familie das Francisceum besucht haben.
Man hat den Gymnasien oft vorgeworfen, dass sie eine Art Standesschule gewesen seien. Wer die Schülerlisten des Francisceum durchsieht, wird sehr schnell erkennen, dass dieser Vorwurf auf das Francisceum kaum zutrifft. Unendlich viele Kinder des mittleren Bürgertums, aus Kaufmanns- und Handwerkerkreisen, aber auch zahlreiche Arbeiterkinder haben von Gründung der Schule an diese Schule besucht. Fürst Franz hatte mit der Schaffung des Alumnats und der Einrichtung eines kostenfreien Mittagstischs für sozial schwächer gestellte Schüler hierfür die Bedingungen geschaffen. Und gerade viele dieser Schüler haben es später im Leben zu angesehenen Stellungen und Berufen gebracht.

Berühmte adlige Schüler

Dem widerspricht nicht, dass das Francisceum - besonders in den Jahren 1850 bis 1891 - auch von auffallend vielen Kindern adliger Familien besucht wurde. Dies hing einerseits mit dem blühenden Alumnat zusammen, das bis 1891 bestand, lag wohl aber andererseits vor allem daran, dass sich das Francisceum unter der Leitung der begnadeten Pädagogen Ritter, Sintenis und Stier zur führenden Lehranstalt Anhalts entwickelte, so dass der vielzitierte Satz "Wer etwas werden sollte in Anhalt, den schickten die Eltern nach Zerbst aufs Francisceum, und wer etwas geworden war, der kam oftmals daher" schon seine Berechtigung hatte. So waren es jetzt auch viele Zöglinge anhaltischer, aber auch übriger deutscher Adelsfamilien, die Schüler dieser weit über Anhalts Grenzen hinaus bedeutenden Lehranstalt wurden. Und es war auch unumstritten, dass die Schule im Mittelpunkt des geistigen Lebens des gesamten Anhaltlandes stand.
In den Schülerlisten des Francisceum finden sich denn auch neben den anhaltischen adligen Familien wie die von Basedow, von Bodenhausen, von Davier, von Fuchs, von Lattorff, von Wulffen und von Wuthenau auch solche bekannten ,,ausländische" Adelsfamilien, die ihre Söhne in das Zerbster Alumnat gaben, wie die von Alvensleben, von Amelunsen, von Arnim, von Blücher, von Bülow, von Götz, von Griesheim, von Hardenberg, von Häseler, von Hellfeld, von Huth, von Jena, von Katte, von Korff, von Larisch, von Ledebur, von Lützow, von Monteton, von Nyrenheim, von Plötz, von Rechenberg, von Salmuth, von Schuchmann, von Siegsfeld, von Werder, von Winterfeldt.
Nach Schließung des Alumnats lassen sich in den Schülerverzeichnissen nur noch wenige adlige Familiennamen finden. Viele dieser Schüler haben es zu hohen Ehren gebracht, haben bedeutende Ämter bekleidet, worüber bereits vieles geschrieben ist.

Letzter Reichskanzler der Weimarer Republik von Schleicher war Schüler des Francisceums

Verwundert ist man, dass über einen der berühmtesten adligen Schüler des Francisceums, über den am 7.April 1882 in Brandenburg geborenen Kurt von Schleicher, in den zahlreichen Publikationen zum Francisceum nichts zu lesen ist. Es klingt unwahrscheinlich und ist doch so gewesen: der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, General Kurt von Schleicher, der nach der Machtergreifung durch den Faschismus versucht hatte, die Nazipartei zu spalten und sich den Gewerkschaften zu nähern, war zeitweise Schüler des Francisceums. Als man seinen Vater, den Hauptmann Hermann von Schleicher, von Brandenburg nach Zerbst versetzte, wurde er im Jahre 1891 im Francisceum aufgenommen. Zu seinen Mitschülern zählten u.a. die aus bekannten Zerbster Familien stammenden Wilhelm Götschke, Walter Pfannenberg, Artur Elster, Karl Fischer und Emil Petzold.
Dass man über den wohl prominentesten Schüler des Francisceums nie etwas zu lesen bekam, hat natürlich seine Ursachen. Während des Beginns der Nazidiktatur von der Geheimen Staatspolizei nachweislich überwacht, ließ Hitler in Zusammenhang mit dem "Röhmputsch" im Juni 1934 die Widersacher seines Regimes, zu denen auch General Kurt von Schleicher gehörte, ohne Gerichtsverfahren am 30.Juni 1934 ermorden. Und zu DDR-Zeiten galt der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik als reaktionärer Vertreter des Finanzkapitals und als politischer Exponent der Reichswehrführung. So schien es opportun und bequem zu sein, den Namen von Schleicher in allen Publikationen totzuschweigen und aus den Annalen der Schul- und Stadtgeschichte zu verbannen. Schülerverzeichnisse sind keine verstaubten und langweiligen Akten. Sie dienen nicht nur der familiengeschichtlichen Forschung, sondern spiegeln auch ein gutes Stück Historie wider, sprechen zu uns aus vergangenen Zeiten, um auch Geschichte aufzuarbeiten, zu vermitteln und zu reflektieren. In den drei Aufnahmebüchern unserer Schule sind sämtliche Schüler und Schülerinnen von 1803 bis 2001 erfasst. Es lohnt sich wahrhaftig, einen Blick in sie zu werfen.

Dr. Eberhard Schmaling

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Neuerscheinung im Mitteldeutschen Verlag zum Gymnasium illustre Zerbst 1582 - 1652

Zerbst eine Universitätsstadt? Kein Besucher unserer Stadt will es glauben, aber es ist dennoch so gewesen: 216 Jahre lang von 1582 - 1798 beherbergte unser Schulgebäude in seinen Mauern das Gymnasium illustre, die Anhaltische Landesuniversität.
Die Geschichte unserer Schule spiegelt ein bedeutendes Stück anhaltischer und Zerbster Kultur-, Geistes- und Baugeschichte wider, zeigt uns dabei auch, was uns heute nahezu unglaublich scheint, dass Zerbst einst unbestritten die volkreichste und geschichtlich, politisch wie wirtschaftlich bedeutsamste Stadt des Anhaltlandes war und im 16.Jahrhundert in die Klasse solcher Städte wie Frankfurt/Oder, Magdeburg und Berlin gehörte. Die damals auch schönste Stadt Anhalts, ein städtebauliches Kleinod, war auch das wissenschaftlich, kulturelle, geistige und geistliche Zentrum der Region. Mit seinen vielen Kirchen, Klöstern, Kapellen und anderen geistlichen Institutionen konnte sich keine andere Stadt Anhalts auch nur annähernd mit Zerbst vergleichen. So stand Zerbst, das bedeutendste urbane Zentrum zwischen Leipzig und Magdeburg, politisch wie wirtschaftlich blühend da. Aus all diesen Gründen erschien es höchst attraktiv, Zerbst als Universitätsstandort auszuwählen.
In der Forschungsliteratur wurde immer wieder beklagt, wie lückenhaft die Universitäts- und Schulgeschichte des 16. Und 17. Jahrhunderts ist. Dabei erreichte ab ca. 1550 die Gründung von Universitäten ihren Höhepunkt.
Bisher gab es zwar mehrere Abhandlungen zur Geschichte des Gymnasiums illustre in Zerbst, insbesondere das kultur- und geistesgeschichtlich wertvolle Buch des als Pädagogen und Heimatschriftsteller gleichermaßen hoch geschätzten Dr. Franz Münnich "Geschichte des Gymnasiums illustre zu Zerbst", das bisher als die wertvollste und umfassendste Darstellung des Gymnasiums zu gelten hatte.
Doch nun liegt ein weiteres opulentes, 420 Seiten umfassendes Buch zum Gymnasium illustre vor, das höchsten wissenschaftlichen Anforderungen gerecht wird, eine geradezu akribische Darstellung der Bildungsstätte bietet mit vielen neuen Gesichtspunkten, die auf bisher weitgehend unbekannten Literatur- und Quellenbeständen fußen.
Im Februar durften wir nun in der mit zahlreichen Interessenten gefüllten Aula unserer Schule einen doch recht bedeutenden Tag unserer Schule erleben, nämlich die Präsentation dieses vom Mitteldeutschen Verlag Halle herausgegebenen Buches mit dem Titel "Hochschulwesen und reformierte Konfessionalisierung - Das Gymnasium illustre des Fürstentums Anhalt in Zerbst 1582 - 1652".
Autor ist Joachim Castan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Indisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg. Der Verfasser, der dieses Buch als Dissertation vorlegte, konnte den Zuhörern anschaulich an einigen Schwerpunkten darstellen, dass seine Publikation keine "staubtrockene und langweilige Geschichte des Gymnasiums illustre" vermittelt, sondern recht lebensnah auch den Alltag an einer frühmodernen Universität beschreibt.
Castan, der mehrere Monate in unserer Francisceumsbibliothek recherchierte, sich auch bei unseren beiden Bibliothekarinnen Frau Völlger und Frau Volger für die großzügige Unterstützung bedankte, hat mit diesem Buch auch einen außerordentlichen Beitrag zur Heimat- und Landesgeschichte geleistet. Wie Dr. Michael Pantenius vom Mitteldeutschen Verlag vor den Zuhörern in der Aula berichtete, hat das Buch in mehreren Gutachten angesehener Wissenschaftler eine beachtliche Resonanz gefunden, wurde es in Fachkreisen bereits als "künftiges Standardwerk der Anhaltistik" gewürdigt.
Der Leser dieses Buches wird nicht verwundert sein ob dieser glänzenden Einschätzung, gibt Castan mit seiner Publikation doch eine hervorragende Darstellung nicht nur der Geschichte des Gymnasiums illustre, sondern auch Anhalts. Castan bedauert, dass die Existenz des Gymnasiums illustre in Zerbst außerhalb der Region fast unbekannt ist, obwohl es im 16. bis 18. Jahrhundert Mittelpunkt des geistigen und wissenschaftlichen Lebens in Anhalt war.
Castan weist nach, dass Zerbst aufgrund seiner politisch, kulturell wie wirtschaftlich, aber auch geistigen und geistlich dominierenden Stellung in Anhalt geradezu als Hochschulstandort ideal erschien. Und so verwundert es nicht, dass der damals Anhalt wieder allein regierende Landesfürst Joachim Ernst (sein Bild befindet sich in unserer Aula) in Zusammenarbeit mit seinem führenden Theologen Wolfgang Amling Zerbst als Ort für die Universität auswählte, zumal der Fürst damit rechnete, dass der Rat der Stadt Zerbst sich finanziell an diesem kostspieligen Vorhaben beteiligen werde.
In seinem Buch geht Castan vor allem darauf ein, inwieweit das Gymnasium illustre die philippistische und reformierte Konfessionalisierung in Anhalt beförderte. Er untersucht den Zusammenhang von Bildung und Konfessionalisierung einerseits, mit der frühmodernen Territorialstaatsbildung andererseits. Er belegt recht anschaulich, dass auch die Gründung der Anhaltischen Landesuniversität nicht zuletzt das Ergebnis der Konkurrenz zwischen Katholiken, Lutheranern und Calvinisten war, die alle bestrebt waren, eine ihnen genehme akademische Gelehrtenschicht auszubilden. Das galt natürlich auch für Zerbst. Um also auch dem Fürsten Joachim Ernst die von ihm favorisierte Konfession durchzusetzen, kam es am 30. Januar 1582 zur Gründung dieser akademischen Bildungsstätte. In dieser Zeit wurde Anhalt in einen frühmodernen Territorialstaat umgeformt.
Zur Verwaltung dieses Staates bedurfte es zunehmend gelehrte Räte, Juristen und Theologen, so dass die Universität Studenten sowohl für geistliche als auch für weltliche Spitzenpositionen für Anhalt ausbilden sollte.
Dabei war Fürst Joachim natürlich darum bemüht, seine intelligentesten Landeskinder im Lande zu halten und sie in der Universität eng an ihn, den Landesvater, zu binden. Lehrer, Pfarrer, Juristen, Professoren waren, so würden wir heute sagen, für ihn wichtige gesellschaftliche Multiplikatoren.
Castan gelingt es in seinem Buch immer wieder, vorzüglich aufzuzeigen, wie eng die Landes-, Fürsten- und Hochschulgeschichte miteinander verzahnt waren. Er zeigt mittels vieler Statistiken und Quellen auf, dass die Universität keineswegs nur für die Region von Interesse war. Bis 1611 überstieg der Anteil der Nicht-Anhalter den der einheimischen Studenten meist deutlich. Brandenburger, Franken, Schlesier, Böhmen - ja sogar Dänen, Schweizer, Norweger und Franzosen studierten in Zerbst. Die junge Universität besaß zunächst eine große Anziehungskraft.
Breiten Raum nimmt in dem Buch die Behandlung der konfessionellen Ausrichtung der Universität ein, denn Zerbst war im mitteldeutschen Raum diesbezüglich ein Sonderfall. Die Universität war nicht wie die in Wittenberg oder Leipzig lutherisch geprägt, sondern orientierte sich am theologischen Erbe von Philipp Melanchthon, der zu Anhalt und auch Zerbst ein besonders enges Verhältnis hatte und großen Einfluss auf die Besetzung von Professoren-, Lehrer- und Pfarrerstellen in Zerbst nahm.
Recht ausführlich wird in dem Buch dargelegt, wie später der Calvinismus in die Universität eindrang und sie mehr und mehr ein reformiertes Gepräge erhielt. Zerbst rühmte sich, der Zufluchtsort aller Calvinisten zu sein, und in der Tat strömte an die Zerbster Universität eine große Flüchtlingswelle von Studenten aus den reformierten Ländern Deutschlands und des Auslands. Die an der Hochschule lehrenden Professoren, meist aufgrund ihres reformierten Glaubens von den lutherischen Universitäten vertrieben, verschafften der Hochschule ein großes Ansehen.
Der erste Rektor des Gymnasiums illustre, Gregor Bersmann (sein Bild ist in unserer Aula), einer der berühmtesten Gelehrten Deutschlands, bezeichnete Zerbst als "Asyl der Frömmigkeit und der schönen Wissenschaften". Mit dem zweiten Rektor der Universität, Marcus Friedrich Wendelin (auch sein Bild ist in unserer Aula), hatte sich die calvinistische (reformierte) Ausrichtung der Universität durchgesetzt. Wendelins umfangreiches Lehrbuch über die theologischen Auffassungen der Calvinisten gehörte bis in das 18. Jahrhundert zu den Standardwerken reformierter Dogmatik in Mitteleuropa.
Ein weiteres zentrales Thema in Castans Buch nehmen die Auseinandersetzungen zwischen den Professoren und den anhaltischen Fürsten um die "richtige" Religion sowie das Ringen zwischen Fürstenhaus, der Stadt Zerbst und den übrigen Gesellschaftsgruppen um Macht und Einfluss auf die höhere Bildung und Ausbildung in Anhalt ein.
Schließlich werden in dem Buch über den institutions-, regional- und konfessionsgeschichtlichen Rahmen hinaus, der viele neue Erkenntnisse erhält, auch ausführlich das Lehrangebot der Universität rekonstruiert und die verschiedenen an der Universität praktizierten Lernmethoden aufgeführt und bewertet. Castan weist nach, dass von der Universität entscheidende Impulse und Akzente wissenschaftlicher Arbeit ausgingen, jedenfalls bis 1652.
Leider wird in Castans Buch nur die Zeitepoche von 1582 - 1652 behandelt. Zwar stimmt es, wie der Verfasser ausführt, dass 1652 die große Zeit der Universität endgültig vorbei war, dennoch wäre es wünschenswert, wenn auch für die Epoche 1652 - 1798 eine gleichwertige, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdende Arbeit vorliegen würde (und vielleicht könnte der zukünftige Autor gar ein Absolvent unserer Schule sein?).
Dass Zerbst eine eigene Universität besaß, sich diese in unserem Schulgebäude befand, das ist auch heute vielen Bewohnern unserer Region relativ unbekannt. Es ist ein Verdienst von Joachim Castan, dass er dieses weitgehend unbekannte Kapitel Zerbster Universitäts- und Bildungsgeschichte mit der Herausgabe seines Buches wieder in unser Bewusstsein und Gedächtnis zurückgebracht hat. Wo in Deutschland gibt es eine Bildungsstätte, die auf diese Geschichte und auf ein solches Renommee zurückblicken kann sowie ein bedeutendes Stück deutscher und anhaltischer Kultur- und Geistesgeschichte mitgeschrieben hat!
Es wäre wünschenswert, wenn das Buch viel Resonanz finden würde. Für den Heimatfreund, Regionalgeschichtler, Theologen, Geschichtslehrer und alle Freunde des Francisceeums sollte das Buch mit seinem ausgezeichneten und sehr umfassenden Quellen- und Literaturverzeichnis zur Pflichtlektüre zählen.
Aber auch unsere Schüler sollten recht oft zu diesem informativen Buch, das höchsten Ansprüchen gerecht wird, greifen. Es lohnt sich wahrhaftig!

Dr. Eberhard Schmaling

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Philipp Melanchthons Beziehung zu Zerbst und zu unserer Schule

Der neben Luther "ewige Zweite der Reformation", Philipp Melanchthon, der als "praeceptor Germaniae" (=Schulmeister Deutschlands) und herausragender Wissenschaftler unbestritten eine weltgeschichtliche Rolle spielte, fühlte sich bis zu seinem Tode dem Anhaltland, der Stadt Zerbst sowie unserer Schule engstens verbunden.
28 Jahre hindurch hatte Melanchthon ohne Unterbrechung innige Beziehungen zu Anhalt, seinen Geistlichen, Fürsten und Bürgern gepflegt, so daß das Land Anhalt für den Wittenberger Reformator gleichsam eine zweite Heimat wurde. Er war ein aufrichtiger Freund und Bewunderer der Askanier. "Wir sind zwar", so schreibt er 1556 an den jungen Fürsten Karl von Anhalt-Zerbst, "allen Fürsten Ehrfurcht und Dienste schuldig, aber ich schulde sie ganz besonders dem Askanischen Hause wegen der vielen mir erwiesenen Wohltaten."
Wie sehr sich Philipp Melanchthon der Stadt Zerbst verbunden fühlte, geht vor allem aus der Tatsache hervor, dass der geistige Vater der heutigen evangelischen Kirche und nach Luthers Tod führende Kopf der Reformation in den Wirren des Schmalkaldischen Krieges 1546/47 in Zerbst lebte, hier Zuflucht und Schutz fand. Er hat das kirchliche und geistige Leben in Zerbst über einen langen Zeitraum, auch nach seinem Tode entscheidend beeinflusst.
Großen Einfluss nahm Melanchthon vor allem auf die Entwicklung des Schulwesens in Zerbst. Es ist sein Verdienst, dass in der damals bedeutendsten Stadt Anhalts 1526 eine evangelische Lateinschule gegründet wurde. Dieses Jahr gilt als das Gründungsjahr unserer Schule, die dann 1532 in das leer stehende Franziskanerkloster, unser heutiges Schulgebäude, übersiedelte. Diese Schule, heute die älteste weiterführende Schule Sachsen-Anhalts, nahm Melanchthons Ratschläge hinsichtlich der Lehrprogramme und der Besetzung von Lehrerstellen dankend an. Mit dem ersten Rektor der neuen Schule, Sebastian Albinus, pflegte er enge Kontakte.
1545 schuf er gemeinsam mit Dr. Theodor Fabricius, der unter dem Einfluss von Melanchthon zum Pfarrer an St. Nikolai in Zerbst und zum ersten Superintendenten in Anhalt berufen wurde, eine Schulordnung für unsere Schule. Während seines Zerbster Aufenthaltes 1546/47 wohnte er bei Fabricius, mit dem ihn eine herzliche Freundschaft verband.
Auch als Melanchthon Zerbst wieder verlassen hatte, wo er viele theologische Schriften verfasste (sie sind sämtlich in unserer Francisceumsbibliothek einzusehen), blieben seine engen Beziehungen zu Zerbst und der Schule bestehen. die Entwicklung des kirchlichen Lebens und unserer Schule verfolgte Melanchthon bis zu seinem Tode 1560 weiter mit großem Interesse. Auf die Besetzung der Pfarr- und Lehrerstellen nahm er weiterhin großen Einfluss, er prägte auch ganz entscheidend die weitere theologische und konfessionelle Entwicklung Anhalts.
Zerbst wurde zum Zentrum des Philippismus, jener nach Philipp Melanchthon bezeichneten theologischen Richtung, deren Anhänger später zur reformierten (kalvinistischen) Lehre übergingen. Zerbst rühmte sich, der Zufluchtsort aller Reformierten und Philippisten zu sein, und so verwundert es nicht, dass 1582 hier in unserem Schulgebäude das Gymnasium illustre, eine reformierte anhaltische Landesuniversität, entstand - eine Einrichtung, deren geistiger Vater Philipp Melanchthon war und die immerhin 216 Jahre bestand.

Carsten Hempel

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